Angst vor Gewalt bei Messer, Joggen & unsichere Situationen.

Diese Fragen erreichen uns im Training besonders häufig:

„Was mache ich, wenn jemand ein Messer hat?“

und

„Kann ich als Frau überhaupt noch alleine joggen gehen?“

Hinter beiden Fragen steckt häufig dasselbe Bedürfnis: Gefahren realistisch einschätzen zu können, ohne sich von Angst bestimmen zu lassen.

Selbstschutz bedeutet für mich deshalb weder, Gefahren zu verharmlosen, noch überall mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Es geht darum, wahrzunehmen, einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und handlungsfähig zu bleiben.


„WAS MACHE ICH BEI EINEM MESSER?“

Diese Frage begegnet mir im Selbstverteidigungstraining immer wieder. Und sie lässt sich nicht mit einer einzelnen Technik beantworten. Ein Messer macht eine Situation hochgefährlich, dynamisch und schwer vorhersehbar. Schwere und auch tödliche Verletzungen können innerhalb kürzester Zeit entstehen.

Deshalb halte ich zwei Botschaften für gleichermaßen problematisch:

„Gegen ein Messer hat man sowieso keine Chance.“

und

„Wenn du die richtige Technik kannst, kannst du dich sicher verteidigen.“

Beides entspricht nicht meinem Verständnis von realistischer Selbstverteidigung.

Die entscheidende Botschaft lautet für mich:

Es gibt keine Garantie, aber es gibt Handlungsmöglichkeiten.

Niemand kann vorhersagen, wie eine konkrete Messerlage ausgeht. Seriöses Selbstverteidigungstraining darf deshalb weder Sicherheit versprechen noch Menschen vermitteln, sie seien grundsätzlich hilflos.

Das Ziel ist für mich ein anderes:

Gefahr realistisch einschätzen. Möglichkeiten erkennen. Entscheidungen treffen. Und den eigenen Handlungsspielraum so lange wie möglich erhalten.


„KANN ICH ALS FRAU NOCH ALLEINE JOGGEN GEHEN?“

Auch diese Frage begegnet mir häufig, gerade von Frauen. Alleine im Wald, auf einem abgelegenen Weg, früh morgens oder in der Dunkelheit unterwegs zu sein, kann Unsicherheit auslösen. Berichte über Übergriffe können diese Ängste zusätzlich verstärken.

Ich halte es für falsch, solche Sorgen einfach mit „Da passiert schon nichts“ abzutun.

Genauso wenig möchte ich Frauen vermitteln, sie müssten beim Joggen ständig Angst haben, permanent über die Schulter schauen oder bestimmte Dinge grundsätzlich nicht mehr alleine tun.

Selbstschutz soll Freiheit ermöglichen, nicht die Angst vergrößern.

Deshalb geht es für mich um Aufmerksamkeit statt permanente Alarmbereitschaft.

Die Umgebung wahrnehmen. Veränderungen bemerken. Ein ungutes Gefühl ernst nehmen. Möglichkeiten kennen, Distanz zu schaffen oder eine Situation frühzeitig zu verlassen.


WAS, WENN MIR JEMAND FOLGT?

Was mache ich, wenn ich beim Joggen das Gefühl habe, dass mir jemand folgt?

Was, wenn eine Person plötzlich die Richtung wechselt?

Was, wenn mir jemand den Weg versperrt?

Was, wenn ich angesprochen oder bedrängt werde?

Was, wenn jemand meine Grenze ignoriert?

Und was mache ich, wenn aus einem unguten Gefühl tatsächlich eine bedrohliche Situation wird?

Solche Fragen lassen sich nicht sinnvoll nur theoretisch beantworten. Deshalb greifen wir sie im Training in unterschiedlichen Szenarien auf. Dabei geht es nicht darum, für jede denkbare Situation einen festen Ablauf auswendig zu lernen. Wir beschäftigen uns vielmehr damit, Situationen wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen, Grenzen zu setzen, Distanz zu schaffen, die Umgebung einzubeziehen und auf Bedrohung sich verändernde Situationen flexibel zu reagieren.


SZENARIEN STATT FALSCHE SICHERHEIT

Sowohl Messerlagen als auch Situationen beim Joggen zeigen sehr deutlich, warum Selbstverteidigung für mich mehr ist als das Erlernen von Techniken. Deshalb greifen wir beide Themen in unterschiedlichen Trainingsszenarien auf.

Nicht mit dem Versprechen:

„Wenn du diese Technik kannst, bist du sicher.“

Sondern mit Fragen wie:

Was nehme ich wahr?
Wie bewerte ich die Situation?
Welche Möglichkeiten habe ich?
Kann ich frühzeitig reagieren?
Wie verändert Stress meine Wahrnehmung und meine Entscheidungen?
Was mache ich, wenn sich die Situation plötzlich verändert?


ANGST SOLL NICHT ENTSCHEIDEN, WAS DU NOCH TUST

Für mich ist das ein wichtiger Punkt. Selbstverteidigungstraining sollte nicht dazu führen, dass Menschen nach dem Training mehr Angst vor der Welt haben als vorher. Es soll auch nicht suggerieren, jede Gefahr ließe sich kontrollieren. Es soll Möglichkeiten schaffen, sich mit schwierigen Situationen auseinanderzusetzen, Erfahrungen zu sammeln und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.

Das gilt für eine extreme Situation mit einer Waffe genauso wie für die Frage einer Frau:

„Traue ich mich noch, alleine joggen zu gehen?“