Die Realität der Selbstverteidigung

Kathy Krocker / Offenburg

Realität der Gewalt und Selbstverteidigung

Meine Haltung: Die Realität ist unvorhersehbar

Realität ist keine Überzeugung, keine Vermutung und keine Wunschvorstellung.

Egal wie intensiv, hart oder realitätsnah wir trainieren: Training bleibt Training. Auch die beste Szenarioübung ist eine Simulation. Sie kann uns vorbereiten, Erfahrungen vermitteln und unsere Handlungsfähigkeit verbessern. Aber sie wird niemals alle Faktoren einer realen Gewaltsituation vollständig abbilden können.

Denn in der Realität gibt es kein Drehbuch.

Ein Angreifer hält sich nicht an vorgegebene Bewegungen. Wir wissen nicht, wie schnell oder entschlossen er handelt, welche Erfahrungen er besitzt, wie groß oder stark er ist, ob er unter Alkohol oder Drogen steht, welche Absichten er verfolgt oder ob plötzlich eine Waffe ins Spiel kommt.

Genauso wenig wissen wir mit Sicherheit, wie wir selbst in diesem Moment reagieren werden.

Stress, Angst, Überraschung, Schmerz, Distanz, Umgebung, körperliche Voraussetzungen und viele weitere Faktoren beeinflussen unser Handeln.

Genau deshalb halte ich Aussagen wie „So greift niemand an“, „Das funktioniert niemals“ oder „Das ist unrealistisch“ für problematisch.

Möglich bedeutet nicht automatisch wahrscheinlich

Natürlich sind nicht alle Angriffe und Situationen gleich wahrscheinlich.

Gutes Selbstverteidigungstraining sollte sich deshalb besonders mit Situationen beschäftigen, die häufig vorkommen oder besonders gefährlich sind. Wahrscheinlichkeit ist wichtig.

Aber Wahrscheinlichkeit ist keine Gewissheit.

Nur weil eine bestimmte Form eines Angriffs selten vorkommt, bedeutet das nicht, dass sie unmöglich ist.

Nehmen wir einen Stockangriff als einfaches Beispiel. Der Stock kann lang oder kurz sein. Der Angreifer kann ihn einhändig oder beidhändig führen. Er kann schnell, langsam, kontrolliert oder völlig unkoordiniert zuschlagen. Die Distanz kann unterschiedlich sein. Der Angreifer kann größer, kleiner, stärker oder schwächer sein. Vielleicht besitzt er Erfahrung, vielleicht überhaupt keine.

Schon dadurch entstehen zahlreiche unterschiedliche Situationen.

Bei Messerangriffen, Schlägen, Griffen oder anderen Formen körperlicher Gewalt ist es nicht anders.

Menschen sind keine Maschinen und Angriffe keine programmierten Abläufe.

Es gibt keine Garantie

Kann eine Selbstverteidigung fehlerlos sein?

Nein.

Kann ich vor einem realen Angriff mit Sicherheit wissen, dass meine Verteidigung funktionieren wird?

Nein.

Kann ein Trainer garantieren, dass eine bestimmte Technik im Ernstfall immer funktioniert?

Nein.

Aber daraus folgt auch nicht, dass jede Technik automatisch gleich gut oder gleich sinnvoll ist.

Techniken können getestet und kritisch hinterfragt werden. Wir können untersuchen, wie sie unter Widerstand funktionieren, welche Voraussetzungen sie benötigen, wie komplex sie unter Stress sind und wo ihre Grenzen liegen.

Die entscheidende Frage sollte deshalb nicht nur lauten:

„Funktioniert diese Technik?“

Sondern:

„Unter welchen Bedingungen kann sie funktionieren, wo liegen ihre Grenzen und welche Möglichkeiten habe ich, wenn sie scheitert?“

Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied.

Training bedeutet, Menschen vorzubereiten

Als Trainerin programmiere ich keine Roboter. Ich trainiere Menschen.

Und jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit.

Der eine besitzt Kraft, der andere Geschwindigkeit. Einer hat ein gutes Distanzgefühl, ein anderer reagiert besonders schnell. Manche Menschen haben bereits Erfahrungen mit Gewalt gemacht, andere nicht. Dazu kommen Alter, Körpergröße, Beweglichkeit, mentale Stärke, Persönlichkeit und viele weitere Faktoren.

Deshalb kann eine Lösung, die für einen Menschen funktioniert, für einen anderen ungeeignet sein.

Umgekehrt bedeutet mein persönliches Scheitern mit einer bestimmten Verteidigung nicht automatisch, dass jeder andere Mensch damit ebenfalls scheitern muss.

Genau hier müssen wir vorsichtig mit absoluten Urteilen sein.

Auch Erfahrung ist nur eine Perspektive

Persönliche Erfahrung ist wertvoll. Aber auch sie bildet niemals die gesamte Realität ab.

Wer selbst Gewalt erlebt hat, kennt bestimmte Situationen aus erster Hand. Diese Erfahrung sollte man ernst nehmen. Trotzdem bleibt sie ein Ausschnitt aus einer viel größeren Wirklichkeit.

Zehn Menschen können zehn unterschiedliche Gewaltsituationen erleben und daraus zehn unterschiedliche Vorstellungen davon entwickeln, was „realistisch“ ist.

Deshalb sollten wir Erfahrungen nutzen, ohne sie zur einzigen Wahrheit zu erklären.

Das gilt genauso für Trainer, Kampfsportler, Sicherheitskräfte oder Menschen mit langjähriger Gewalterfahrung.

Die eigene Erfahrung erweitert unsere Sicht. Sie definiert aber nicht die Grenzen dessen, was möglich ist.

Szenariotraining bleibt Simulation

Szenariotraining ist für mich deshalb wichtig. Nicht weil es Realität wäre, sondern gerade weil es keine Realität ist.

Training gibt uns die Möglichkeit, Fehler zu machen.

Wir können ausprobieren, scheitern, analysieren, verändern und erneut versuchen. Wir können bekannte Situationen trainieren und uns ebenso mit ungewöhnlichen Varianten beschäftigen.

Dabei sollte es nicht darum gehen, eine perfekte Choreografie zu erzeugen.

Es geht darum, Wahrnehmung, Entscheidungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit zu entwickeln.

Was passiert, wenn meine erste Reaktion nicht funktioniert?

Was mache ich, wenn sich die Distanz verändert?

Was passiert, wenn der Angreifer anders reagiert als erwartet?

Kann ich meine Strategie verändern?

Erkenne ich Möglichkeiten, anstatt starr an einer eingeübten Bewegung festzuhalten?

Für mich liegt genau darin der Wert eines guten Trainings.

Nicht alles glauben. Aber auch nicht alles ausschließen.

Das bedeutet nicht, jede Technik kritiklos zu akzeptieren.

Kritisches Hinterfragen gehört für mich zu gutem Training dazu. Techniken müssen geprüft, unter Widerstand ausprobiert und in unterschiedlichen Situationen betrachtet werden.

Aber Kritik sollte nicht aus Spott oder absoluten Behauptungen bestehen.

Wenn wir ein Video sehen, kennen wir den Ausgang bereits. Wir können Bild für Bild analysieren und anschließend erklären, was der Beteiligte angeblich hätte anders machen müssen.

Die Person in dieser Situation hatte diesen Vorteil nicht.

Sie musste in diesem Moment wahrnehmen, entscheiden und handeln.

Deshalb interessiert mich weniger, ob eine Verteidigung meinen persönlichen Vorstellungen entspricht.

Mich interessieren andere Fragen:

Warum hat etwas funktioniert oder warum ist es gescheitert?

Welche Faktoren haben dazu beigetragen?

Was können wir daraus lernen?

Welche Alternativen hätte es gegeben?

Und genau diese Fragen sollten wir auch unseren Schülern vermitteln.

Begrenze nicht deine Möglichkeiten

Meine Haltung bedeutet nicht:

„Alles funktioniert.“

Sie bedeutet auch nicht:

„Jede Technik ist gut.“

Und sie bedeutet erst recht nicht, dass Wahrscheinlichkeit, Erfahrung oder kritische Analyse unwichtig wären.

Meine Haltung bedeutet:

Beurteile Möglichkeiten kritisch, aber schließe sie nicht vorschnell aus.

Trainiere Wahrscheinliches, ohne Ungewöhnliches für unmöglich zu erklären.

Prüfe Techniken, anstatt an sie zu glauben.

Erkenne ihre Grenzen, anstatt Garantien zu versprechen.

Akzeptiere Fehler, denn Menschen sind keine Maschinen.

Und vor allem: Lerne, dich anzupassen.

Denn wir können trainieren, analysieren und uns vorbereiten. Wir können unsere Fähigkeiten verbessern und unsere Chancen erhöhen.

Aber wir können die Realität nicht programmieren.

Deshalb ist für mich nicht die perfekte Technik das wichtigste Ziel der Selbstverteidigung, sondern ein Mensch, der wahrnimmt, entscheidet, handelt und sich an eine Situation anpassen kann.

Zum Nachdenken

Kann Selbstverteidigung jemals vollkommen fehlerfrei sein?

Kann jemand vor einem Angriff garantieren, dass eine bestimmte Verteidigung funktionieren wird?

Kann man von einem Menschen im Training erwarten, dass er bereits alles beherrscht?

Und sollten wir eine Möglichkeit wirklich ausschließen, nur weil sie nicht unserer eigenen Vorstellung von Realität entspricht?

Meine Haltung: Begrenze nicht deine Möglichkeiten.

Kathy Krocker