WARUM IST ES FÜR MÄNNER SINNVOLL, MIT FRAUEN ZU TRAINIEREN?

Unterschiedliche Trainingspartner schaffen unterschiedliche Lernaufgaben

Wenn über gemischtes Selbstverteidigungstraining gesprochen wird, liegt der Fokus häufig darauf, was Frauen durch das Training mit Männern lernen können. Dabei wird ein wichtiger Punkt übersehen: Auch Männer können sehr davon profitieren, mit Frauen zu trainieren. Denn ein guter Trainingspartner ist nicht einfach derjenige, der möglichst groß, stark oder körperlich ebenbürtig ist. Unterschiedliche Menschen stellen uns vor unterschiedliche Aufgaben. Frauen unterscheiden sich ebenso wie Männer in Körpergröße, Kraft, Bewegungsverhalten, Geschwindigkeit, Entschlossenheit und darin, wie sie auf Druck reagieren. Für Männer bedeutet das: Sie müssen lernen, sich auf unterschiedliche Menschen einzustellen, ihre eigene Kraft zu regulieren und ihre Erwartungen immer wieder mit der tatsächlichen Erfahrung abzugleichen.

KRAFT EINSETZEN UND KRAFT KONTROLLIEREN

Eine wichtige Fähigkeit im Training ist nicht nur, Kraft entwickeln zu können. Ebenso wichtig ist es, Kraft kontrollieren und dosieren zu können. Wer mit körperlich unterschiedlichen Partnern trainiert, kann nicht einfach immer dieselbe Intensität einsetzen. Ein guter Trainingspartner muss wahrnehmen, wie viel Druck angemessen ist, wie sein Gegenüber reagiert und wann Intensität erhöht oder reduziert werden muss.

Das bedeutet nicht, Frauen im Training grundsätzlich „schonen“ zu müssen.

Es bedeutet, Verantwortung für die eigene Intensität zu übernehmen.

Diese Fähigkeit ist für mich ein wesentlicher Bestandteil guten Partnertrainings unabhängig vom Geschlecht.

„ICH WILL SIE NICHT VERLETZEN“

Manche Männer sind zu Beginn sehr zurückhaltend, wenn sie mit Frauen trainieren. Dahinter kann beispielsweise die Sorge stehen: „Ich möchte sie nicht verletzen.“ Diese Haltung ist zunächst nachvollziehbar. Rücksicht und Kontrolle gehören in jedes verantwortungsvolle Training. Sie kann aber auch dazu führen, dass ein Mann seiner Trainingspartnerin kaum Widerstand bietet und dadurch kein sinnvolles Training mehr entsteht. Die eigentliche Aufgabe lautet deshalb nicht: „Ich darf keine Kraft einsetzen.“ Sondern: „Ich muss lernen, meine Kraft kontrolliert und der Situation angemessen einzusetzen.“ Das ist ein erheblicher Unterschied.

„EINE FRAU HAT GEGEN EINEN MANN DOCH EH KEINE CHANCE“

Auch solche Überzeugungen können durch gemeinsames Training auf die Probe gestellt werden. Ein Mann kann davon überzeugt sein, dass eine Frau körperlich grundsätzlich keine Chance gegen ihn habe. Im Training kann er dann erleben, dass die Realität differenzierter ist. Vielleicht ist eine Trainingspartnerin schneller als erwartet. Vielleicht nutzt sie Distanz oder Timing besser. Vielleicht reagiert sie entschlossener. Vielleicht funktioniert eine Situation völlig anders, als er sie vorher eingeschätzt hat. Das bedeutet nicht, körperliche Unterschiede zwischen Menschen zu leugnen. Es bedeutet, pauschale Annahmen durch tatsächliche Erfahrungen überprüfen zu können. Genau solche Erfahrungen sind für mich wertvoll.

UNTERSCHIEDLICHE FRAUEN, UNTERSCHIEDLICHE DYNAMIKEN

Auch „die Frau“ als einheitlichen Trainingspartnertyp gibt es nicht. Eine Frau kann klein und leicht sein. Eine andere groß und kräftig. Eine reagiert sehr schnell, eine andere kontrollierter. Manche trainieren zurückhaltend, andere gehen ausgesprochen entschlossen in eine Übung. Genau diese Unterschiede sind wichtig. Ein Mann lernt dadurch nicht einfach, „mit einer Frau“ zu trainieren. Er lernt, den Menschen vor sich wahrzunehmen und sein eigenes Verhalten entsprechend anzupassen.

GLAUBENSSÄTZE TREFFEN AUF ERFAHRUNG

Hier entsteht für mich auch eine direkte Verbindung zu AuthenticForce und CODE UNLOCK.

Überzeugungen wie

„Frauen sind körperlich grundsätzlich unterlegen.“

„Ich darf gegen eine Frau keine Kraft einsetzen.“

„Wenn ich ernsthaft trainiere, verletze ich sie.“

können beeinflussen, wie jemand in eine Trainingssituation hineingeht. Im Training treffen solche Vorstellungen auf konkrete Erfahrungen. Dabei geht es nicht darum, einen Glaubenssatz einfach durch einen neuen zu ersetzen. Es geht darum, die eigene Annahme zu überprüfen: Stimmt das, was ich erwartet habe, tatsächlich mit dem überein, was ich gerade erlebe? Eine neue Erfahrung kann dadurch eine bisher sehr pauschale Überzeugung differenzieren.

GEMISCHTES TRAINING IST KEINE EINBAHNSTRASSE

Für mich liegt genau darin ein großer Wert gemischter Trainingsgruppen. Frauen sammeln Erfahrungen mit unterschiedlichen Männern. Männer sammeln Erfahrungen mit unterschiedlichen Frauen. Beide trainieren mit unterschiedlichen Größen, Kräften, Reichweiten, Bewegungsmustern, Persönlichkeiten und Reaktionen. Nicht Frauen müssen lernen, mit Männern umzugehen. Menschen müssen lernen, sich auf unterschiedliche Menschen und Bedingungen einzustellen. Das ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Selbstverteidigung und entspricht dem Gedanken von AuthenticForce:

Unterschiedliche Erfahrungen erweitern unseren Handlungsspielraum. Und manchmal stellen sie Überzeugungen infrage, die wir vorher für selbstverständlich gehalten haben.

Warum ich gemischtes Training auch für Frauen langfristig für sinnvoll halte und wann reine Frauenangebote trotzdem ihre Berechtigung haben.