Frauen brauchen Selbstverteidigung. Aber brauchen sie dafür dauerhaft reine Frauengruppen?
Angebote speziell für Frauen können einen wichtigen Zugang zur Selbstverteidigung schaffen. Trotzdem trainieren Frauen in meinem regulären Training bewusst gemeinsam mit Männern. Der Grund dafür ist nicht, dass ich reine Frauenangebote grundsätzlich ablehne. Vielmehr entspricht gemischtes Training meinem Verständnis von Selbstverteidigung: Menschen sollen lernen, mit unterschiedlichen Trainingspartnern, körperlichen Voraussetzungen und Situationen umzugehen.
WECHSELNDE PARTNER, NEUE ERFAHRUNGEN
In einer realen Konfliktsituation können wir uns Körpergröße, Gewicht, Kraft, Reichweite oder Bewegungsverhalten eines Gegenübers nicht aussuchen. Deshalb halte ich wechselnde Trainingspartner für einen wichtigen Bestandteil des Selbstverteidigungstrainings. Eine kleinere Person stellt andere Anforderungen als eine große. Ein kräftiger Trainingspartner erzeugt andere Bedingungen als ein leichter. Auch Distanz, Geschwindigkeit, Bewegungsmuster und der wahrgenommene körperliche Druck können sich unterscheiden. Hier ist es wichtig, verschiedene Erfahrungen zu erlangen. Techniken und Handlungsstrategien sollen nicht nur mit vertrauten oder körperlich ähnlichen Trainingspartnern funktionieren. Im Training müssen sie unter unterschiedlichen und selbstverständlich kontrollierten Bedingungen ausprobiert und angepasst werden können.
WAS ICH IN DER TRAININGSPRAXIS BEOBACHTE
In meiner langjährigen Trainingspraxis beobachte ich, dass Frauen durch das Training mit unterschiedlichen Partnern häufig zunehmend entschlossener agieren und lernen, ihre Möglichkeiten realistischer einzuschätzen. Gerade unterschiedliche Größen- und Kraftverhältnisse werfen wichtige Fragen auf:
Was funktioniert für mich? Was muss ich verändern? Wo liegen meine Grenzen? Wie kann ich Distanz, Bewegung, Timing oder andere Möglichkeiten nutzen? Dann folgen blockierende Glaubenssätze: „Gegen den habe ich eh keine Chance!“
Nach meiner Erfahrung kann diese Vielfalt den Lernprozess deutlich fördern. Frauen lernen nicht nur eine Technik, sondern erfahren, wie sie diese an unterschiedliche körperliche Voraussetzungen anpassen müssen. Ebenso werden sie mit ihren eigenen blockierenden Glaubenssätzen konfrontiert, um diese Blockaden zu lösen.
Fortschritt bedeutet für mich deshalb nicht, sich gegenüber einem bestimmten Partnertyp durchsetzen zu können. Entscheidend ist die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Bedingungen einzustellen und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.
Das entspricht auch dem Grundgedanken von AuthenticForce: Wehrhaftigkeit entsteht nicht allein durch das Beherrschen von Verteidigungstechniken.
KÖNNEN REINE FRAUENGRUPPEN FALSCHE SICHERHEIT VERMITTELN?
Nicht zwangsläufig. Problematisch kann es aus meiner Sicht jedoch werden, wenn über längere Zeit ausschließlich unter sehr ähnlichen körperlichen Voraussetzungen trainiert wird und dadurch die Erwartung entsteht, die erlernten Lösungen ließen sich genauso auf deutlich andere Größen-, Kraft- oder Druckverhältnisse übertragen. Das gilt übrigens nicht nur für Frauen. Auch Männer profitieren davon, nicht ständig mit denselben Trainingspartnern, Körpergrößen und Leistungsständen zu trainieren.
WANN ICH REINE FRAUENKURSE SINNVOLL FINDE
Trotzdem haben reine Selbstverteidigungskurse für Frauen für mich eine klare Berechtigung. Ein Einsteigerseminar ausschließlich für Frauen kann beispielsweise eine gute Möglichkeit sein, Selbstverteidigung zunächst kennenzulernen. Für manche Frauen ist die Hemmschwelle geringer, wenn sie ihre ersten Erfahrungen mit Selbstbehauptung, Grenzen, Distanz und körperlicher Gegenwehr zunächst unter Frauen machen können. Auch für Frauen mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen kann ein geschützter Rahmen wichtig sein. Hier sehe ich allerdings auch klare Grenzen: Selbstverteidigungstraining ist keine Traumatherapie. Trainerinnen und Trainer sollten ihre eigene Qualifikation und Verantwortung realistisch einschätzen und einen geschützten Trainingsrahmen nicht mit therapeutischer Arbeit gleichsetzen.
EIN GESCHÜTZTER EINSTIEG KANN EIN ANFANG SEIN
Wenn eine Frau zunächst ausschließlich mit Frauen trainieren möchte, halte ich das für einen vollkommen legitimen Einstieg. Langfristig würde ich jedoch, sofern es für die jeweilige Person möglich und passend ist, dazu ermutigen, die Trainingsbedingungen schrittweise zu erweitern und auch mit unterschiedlichen Trainingspartnern zu arbeiten. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, persönliche Grenzen einfach zu überschreiten. Die Erweiterung der Trainingsbedingungen sollte kontrolliert, freiwillig und dem individuellen Trainingsstand angemessen erfolgen.
Denn für mich liegt genau darin ein wesentlicher Bestandteil guter Selbstverteidigung:
Nicht möglichst viel Sicherheit versprechen, sondern unterschiedliche Erfahrungen ermöglichen.
Nicht Angst vergrößern, sondern Handlungsmöglichkeiten erweitern.
Nicht auf einen bestimmten Gegner vorbereiten, sondern Anpassungsfähigkeit entwickeln.
Deshalb trainieren Frauen und Männer in meinem regulären Training grundsätzlich gemeinsam, mit wechselnden Trainingspartnern, unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und kontrolliert steigenden Anforderungen.
Gemischtes Training bietet nicht nur Frauen wichtige Erfahrungen. Auch Männer können durch unterschiedliche Trainingspartner viel lernen.
